Autoarbeiter: Bundesweit streikbereit!
„Wir alle wollen Kanzler Merz weghaben, alle!“
- Yahya Abu Nidal
Die Wut treibt die Lohnabhängigen auf die Straße: Quer durch die Republik folgten dem Aufruf der IG-Metall zum Aktionstag Automobil am 21. September die Beschäftigten in hunderten Betrieben, vom größten Werk bis zum kleinsten Zulieferer. Genossinnen und Genossen der Revolutionären Linken waren in verschiedenen Werken dabei. Yahia Abu Nidal fasst ihre Live-Berichte zusammen
Der Aktionstag Automobil der IG Metall war ein voller Erfolg. Doch den Nachrichtensendungen von ARD und ZDF war er nur eine Randnotiz wert. Dabei war es der größte und militanteste Protest, den die Autoindustrie in Deutschland seit Jahrzehnten erlebt hat – eine der zentralen Säulen der deutschen Wirtschaft. Über 175.000 Arbeiterinnen und Arbeiter der Automobil-Industrie protestierten lautstark gegen die Chefetagen und Bundesregierung: Gegen die Erhöhung der Arbeitszeit von 35 auf 38 Stunden ohne Lohnausgleich, gegen ausbleibende Urlaubs- und Weihnachtsgelder, gegen gestrichene Zulagen, gegen drohenden Stellenabbau.
Wo bleibt der Streikaufruf!?
Mit Wut im Bauch zog die Belegschaft des Mercedes-Benz Werks in Düsseldorf durch die ans Werk grenzende Siedlung. Ziel: jedem und jeder in der Stadt klarzumachen, was man von den Plänen des Managements hält. Auf dem größten Hochbanner des Zuges zu lesen: „Streik! Wo bleibt der Streikaufruf von IG-Metall + Verdi! Gegen den Krieg von Regierung + Kapital gegen uns“.
Vom Lautsprecherwagen in Knallgelb schallt es: „Mercedes verlangt von uns mehr Arbeit, ohne dafür zahlen zu wollen […] Das Weihnachtsgeld soll ein Ende haben […] Um all das zu bekämpfen werden wir nun […] um Herz und Nieren der Bevölkerung kämpfen […] Alle Nachbarn sollen mitkriegen, wie dieser Laden mit seinen Beschäftigten umgeht!“
„Wir holen uns die Unterstützung der Anwohner und der Beschäftigten, die ebenso ein Teil dieser Siedlungen sind! Wir werden uns beim Bäcker beschweren, wir werden uns bei der Apotheke beschweren! Und an all die, die versucht haben, uns aufzuhalten hier heute rauszukommen und zu demonstrieren: Wir merken uns, wer das gewesen ist!“
- Yahya Abu Nidal
„Wir stehen für internationale Arbeitersolidarität“
Mit dem Verweis auf fallende Gewinne der Hersteller sagt ein Sprecher: „Es kann nicht sein, dass wir diejenigen sein sollen, die darunter leiden!“
Er ruft aus: „Dass die 40-Stunden-Woche wieder durchgesetzt wird, ist mit uns nicht zu machen! Wir stehen für internationale Arbeitersolidarität! Wir stehen für den Klassenkampf! Wir stehen für die Offensive der Arbeiter!“
Er endet mit dem Satz: „Schöne Grüße aus Düsseldorf! An alle in Deutschland, an alle Automobilarbeiter, an alle weltweit! Das sind Millionen!“
Die alles beherrschende Rufe sind: „Bundesweit – Streikbereit“ und „40 Stunden – nicht mit uns!“. Sie hallten noch lange durch die Siedlung am Rande des 6000-Arbeiter-Werks.
Aus den Fenstern streckten sich die Anwohnerinnen und Anwohner zur demonstrierenden Belegschaft – ihren Freunden, Bekannten und Verwandten – um Pfeifen, Ratschen, Flaggen und Mützen der Gewerkschaft zu erhaschen. Familien schickten Angehörige, um Soli-T-Shirts für den Sohn, den Vater, die Großmutter und die Cousins mitzubringen. Kollegen aus kleineren Autowerkstätten rund ums Werk begrüßten den Demonstrationszug herzlich.
Aufwärmübung für mehr
Am Rande der Demonstration zieht der Kollege Michael aus dem Werk ein treffendes Fazit: „Ich arbeite seit 30 Jahren bei Mercedes. Ich denke, das heute war ein guter Auftakt. Das war, wenn man mal sportlich spricht: das war die Aufwärmübung. Mehr kann es aber nicht gewesen sein. Die erste Gymnastik.“
Auf die Frage, was das konkret bedeutet, sagt er:
„Wenn man bedenkt, wie wichtig Mercedes und den anderen Kapitalisten die 40 Stunden Woche ist, ist völlig klar, dass wir da unbedingt nachlegen müssen. Bei Mercedes haben wir Streikrecht nur während der Tarifrunde. Aber wir müssen uns, glaube ich, auch darauf einstellen, dass wir selbstständig streiken werden müssen, um das zu kippen.“
Zum Hintergrund ergänzt Michael: „Ich kenn das schon von 2004. Da haben sie schon mal versucht, die 40-Stunden-Woche durchzusetzen. Damals haben wir es gekippt mit vielen selbstständigen Aktionen. Aber diesmal ist mehr Druck dahinter. Das heißt, wir werden noch viel mehr Gegendruck entwickeln müssen. Dazu kommt, dass die Regierung im Chor mit den Kapitalistenverbänden das auch will. Also wir haben da einige gegen uns, aber wir haben auch einige im Rücken. Denn heute sind ja in zig Werken die Leute vor Ort und ich bin zuversichtlich.“
„Steh einen Monat am Band, dann reden wir weiter“
Streikbereitschaft und Zuversicht waren durch die ganze Breite des spürbar. Dass die Belegschaft bei Mercedes-Benz Unterstützung in der Breite der Bevölkerung hat, wurde auch in Baden-Württemberg deutlich. Dort versammelten sich Zehntausende zu außerordentlichen Betriebsversammlungen vor und hinter den Werkstoren.
Am drittgrößten Autowerk Deutschlands – dem Werk von Mercedes-Benz in Sindelfingen – stehend rund Zehntausend vor einer Bühne. Um 10 Uhr sagt ein Redner: „Es kann doch nicht sein, dass die Antwort der Vorstände nur heißt: Arbeitszeitverlängerung, weniger Weihnachtsgeld, weniger Urlaubsgeld, weniger oder gar nicht Jubiläumsentgelt. Da machen wir nicht mit, liebe Kolleginnen und Kollegen!“
Der junge Kollege Ole sagt uns vorm Betriebstor: „Wir sind wütend über die Arbeitszeiten und den Stellenabbau.“ Sein Kollege ergänzt: „Wir kommen als Azubis nicht zum Zug. Darum sind wir wütend. Wir sind wütend, dass die Regierung 40-Stunden-Woche durchsetzen will.“
Was sagen die Beschäftigten zum Argument, in der Krise muss länger gearbeitet werden? Ole: „Wie wäre es, mal selber einen Tag am Band zu arbeiten? Aber richtig gescheit. Komm mal einen Monat ans Band und dann lass uns weiterreden. Das wäre unsere Antwort.“
Henry, der als Gießereimechaniker im zweiten Lehrjahr bei Mercedes arbeitet, antwortet: „Die Manager wollen die Arbeitszeit erhöhen, weil sie profitgierig sind. Die sehen halt im Ausland, man kann da billiger produzieren. Deswegen direkt ins Ausland. … Die sparen an uns, aber dafür vermehrt sich über die Jahre deren Gehalt. Unser Gehalt ist über die Jahre konstant geblieben.“
Politische Angriffe, politischer Widerstand
Der Aktionstag Automobil hat deshalb wenig Aufmerksamkeit in den Medien bekommen, weil es dabei aus Sicht der Medienschaffenden und ihrer Klassenvorurteile „nur“ um die Interessen der Lohnabhängigen einer Branche geht. Aus ihrer Sicht handelt es sich um einen rein ökonomischen Konflikt.
Tatsächlich macht die Bedeutung der Automobilbranche für den deutschen Kapitalismus den Konflikt sofort politisch, wenn fast 200.000 Arbeiterinnen und Arbeiter während der Arbeitszeit protestieren. Offiziell waren es „Betriebsversammlungen während der Arbeitszeit“; faktisch waren es Massenwarnstreiks ohne direkten Bezug zur Tarifrunde, also politische Kampfaktionen.
Außerdem waren die aktuell geplanten Sozialkürzungen und selbst das viele Geld, das die Bundesregierung in die Aufrüstung steckt, überall Thema. Gießereiarbeiter Henry drückt eine vorherrschende Stimmung so aus: „Milliardenpakete für die Bundeswehr, für die Ukraine, aber dafür im eigenen Land kürzen! Ich sage, man muss sich erstmal ums eigene Land kümmern, bevor man hier so in Verteidigung reinsteckt. Ich sag mal Verteidigung braucht man sowieso nicht. Russland ist nicht so eine große Bedrohung. Hier im Land gibt es mehr Probleme.“
Für Bundeskanzler Merz finden die protestierenden Arbeiterinnen und Arbeiter teils noch schärfere Worte als für die eigenen Bosse. Lisa und Luisa, zwei Kolleginnen aus der Produktion bei Daimler in Sindelfingen, kritisieren die Angriffe auf den Sozialstaat. Lisa: „Was er [Merz] gemacht hat, ist krass. Dass er in so einer wenigen Zeit so viel gemacht hat! Ich kann mir nicht vorstellen, wenn wir dem noch mehrere Jahre geben würden, was er noch alles schlecht, aber wirklich nur schlecht machen würde. ... Also wirklich alle Bürger leiden darunter.“ Luisa ergänzt: „Er tut uns nicht gut. Er muss sofort weg vom Amt. So können wir nicht weiterleben. Er macht alles kaputt. Er macht uns kaputt. Ich denke, wir wollen alle ihn weghaben.“
Ein Kollege der IG-Metall am Werk bei Stuttgart verliert bereits sichtlich die Geduld, wenn das Gespräch auf die Regierung kommt: „Die gehören eingesperrt. Nicht alle, aber zum Teil!“ und zur Forderung der Bosse und der Regierung in Sachen Rente und Arbeitszeit: „Das ist Rückschritt statt Fortschritt.“
Wankelmütige Führung treiben
Der Aktionstag Automobil der IG Metall brachte an einem Tag rund 175.000 Arbeiterinnen und Arbeiter in einen faktischen, branchenweiten Warnstreik. Er kam in einer Zeit, die von Massenwut über die Arbeitgeber und die Bundesregierung geprägt, als auch von Existenzsorgen und Zukunftsangst. Und doch zeugt er von der eigenen Handlungsfähigkeit. An diesem Tag war plötzlich Zuversicht zu spüren. Mehr: die deutschlandweite Streikbereitschaft war das alles beherrschende Thema an diesem Montagmittag. Der Tag verdeutlicht die Macht, die die Angriffe des Managements und auch den Sozialabbau durch die Regierung stoppen kann. Entscheidend wird in den nächsten Wochen sein, ob dieser Druck die wankelmütige IG Metall-Führung in die Auseinandersetzung mit den Bossen und der Bundesregierung treiben kann.