Klimawandel

Ein Hitzesommer und keine Lehren

Warum die Klimakrise eine Klassenfrage ist

Rückblende: 2026 erlebte Deutschland einen Hitzerekord. Die Schifffahrt auf dem Rhein musste weitgehend eingestellt werden, das Robert-Koch-Institut registrierte mehr als 16.000 hitzebedingte Todesfälle. Doch nicht alle leiden unter der Klimakrise. Während Lohnabhängige bei 40 Grad in Fabriken und Krankenhäusern weiterarbeiten mussten, vermeldeten die Manager aus den klimatisierten Cheftagen der Energiekonzerne Rekordgewinne. Das erklärt, warum die Bundesregierung angesichts der Klimakrise passiv bleibt, meinen Hêvîn Çiya und Karl Naujoks

Was tun? Als die Temperaturen im Juni auf bis zu 41,7 Grad in Brandenburg angestiegen waren und die Zahl der Hitzetoten deutschlandweit die 10.000-Marke erreichte, reagierten weite Teile der deutschen Medien mit individuellen Ratschlägen. Trinkt mehr, bleibt im Schatten, tragt leichte Kleidung, haltet euch in kühlen Räumen auf!

Doch wer für seinen Lebensunterhalt arbeiten muss, kann sich auch bei 40 Grad nicht einfach zurückziehen. Eine Pflegekraft kann ihre Patientinnen und Patienten nicht während einer Hitzewelle alleine lassen. Eine Erzieherin kann eine überhitzte Kita nicht einfach schließen. Ein Bauarbeiter kann sich nicht in eine klimatisierte Wohnung zurückziehen, solange die Baustelle läuft. Ein Obdachloser kann nicht einfach „zu Hause bleiben“.

Bundesregierung blockiert Maßnahmen

Diejenigen, die am wenigsten Möglichkeiten haben, sich zu schützen, sind diejenigen, die am stärksten geschützt werden müssten. Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Kitas und Schulen sind vielerorts nicht ausreichend auf extreme Temperaturen vorbereitet. Obwohl es sich um öffentliche Einrichtungen handelt und der Staat direkt eingreifen könnte, lässt die Bundesregierung alle Vorschläge ins Leere laufen, um an der Sachlage etwas grundlegend zu ändern.

So lud der Gesundheitsausschuss im Bundestag im September Sachverständige zur Anhörung ein. Die Experten zogen eine verheerende Bilanz. Nur 38 Prozent der Krankenhäuser in Deutschland verfügen überhaupt über klimatisierte Räume, und auch in diesen betrifft das mehrheitlich nur einen kleinen Teil der Zimmer. Selbst passive Kühlmaßnahmen wie außenliegende Verschattung fehlen häufig.

Der Mediziner Uwe Janssens von der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin erklärte in der Anhörung, in Krankenhauszimmern habe man bis zu 35 Grad Celsius gemessen, und manche Kliniken verfügten nicht einmal über eine klimatisierte Notaufnahme. Gegenmaßnahmen zu ergreifen bezeichnete Janssens als „gesamtgesellschaftliche Verantwortung“, die auch eine entsprechende Finanzierung einschließen müsse.

Genau die wird durch das Bundesgesundheitsministerium konsequent blockiert. Es erklärt sich schlichtweg als nicht zuständig. Auf alle entsprechenden parlamentarischen Anfragen heißt es in dem seit diesem Sommer von Carsten Linnemann (CDU) geführten Ministerium, die „Verwaltungs- und Finanzierungskompetenz für den Schutz der Gesundheit vor Hitze liegt bei den Ländern und nicht beim Bund“.

Die SPD fordert nun eine Grundgesetzänderung, um das zu ändern, die CDU/CSU blockiert das trotz vorhandener Mehrheiten. Für die SPD eine bequeme Position. Sie hat jahrelang selbst das Gesundheitsministerium geführt, und kann sich nun hinter der absehbaren Blockade der CDU/CSU als Partei klimapolitisch „profilieren“. Den Fortbestand der Koalition mit der Union wird sie dafür allerdings nicht riskieren.

Lohnabhängige schwitzen, Aktionäre kassieren

Neben den Einrichtungen Kita, Krankenhaus und Schule trifft die Klimakrise vor allem Lohnabhängige, die körperlich arbeiten müssen. Manche sind der Sonne voll ausgesetzt, wie Dachdecker oder Gleisbauer. In der Chemieindustrie können Beschäftigte durch die ohnehin hohen Temperaturen in Produktionsanlagen mit Temperaturen von 45 Grad und mehr konfrontiert sein. Dazu kommen Schutzkleidung und Arbeitskleidung, die aus Sicherheitsgründen nicht einfach abgelegt werden können. Was auf dem Papier als „extreme Wetterlage“ erscheint, ist für diese Beschäftigten schlicht ein weiterer Arbeitstag.

Wenn Arbeitskräfte durch Hitze, Krankheit und psychische Belastungen verstärkt ausfallen, steht für das Kapital und ihre Medien nicht die Gesundheit der Menschen im Vordergrund. Stattdessen wird über „Fehlzeiten“, „Produktivitätsverluste“ und „Wettbewerbsfähigkeit“ gesprochen. Es ist dieselbe Logik, die im Kapitalismus auch bei milderen Temperaturen herrschen. Der Hitzesommer hat diese Logik nur wie unter einem Brennglas hervortreten lassen.

So stehen die Krankenhäuser, die seit den 90er Jahren zu profitorientierten Unternehmen umgebaut wurden, zunehmend unter ökonomischem Druck. Investitionen in Hitzeanpassungsmaßnahmen aber senken die erwirtschaftete Rendite. Die Beschäftigten sollen immer mehr leisten, während Personal fehlt und die Belastung steigt, egal wie warm das Krankenzimmer ist.

Dasselbe Bundesgesundheitsministerium, die sich dafür als nicht zuständig erklärt, hat unter Führung von Nina Warken vor wenigen Wochen neue Bestimmungen auf den Weg gebracht, das die Klinikkonzerne unter Druck setzt, die Personalkosten noch weiter zu drücken. In der Folge haben Klinken wie die Berliner Charité den Entlastungstarifvertrag gekündigt, der eine minimale Stellenbesetzung auf den Stationen vorschreibt.

Städte ohne Hitzeschutz

Die Hitze ist auch nach Feierabend eine Klassenfrage. Versiegelte Innenstädte heizen sich massiv auf. In sogenannten Hitzehotspots können die Temperaturen deutlich über dem Durchschnitt liegen. Wer über ein großes Haus mit Garten, Klimaanlage und Rückzugsmöglichkeiten verfügt, erlebt eine Hitzewelle anders als jemand, der in einer kleinen, schlecht gedämmten Wohnung lebt.

Besonders brutal zeigt sich das bei Obdachlosen. Wer keine Wohnung hat, kann sich nicht einfach in einen kühlen Raum zurückziehen. Wer keinen sicheren Zugang zu Wasser, medizinischer Versorgung oder Schatten hat, ist der Hitze unmittelbar ausgeliefert. Dass selbst einfache Forderungen wie zusätzliche Wasserspender oder ausreichend zugängliche Anlaufstellen vielerorts ignoriert werden, zeigt, wie wenig die Lebensrealität der Ärmsten im Kapitalismus zählt.

Die Klimakrise ist längst keine abstrakte Zukunftsfrage mehr. Sie ist hier. Sie kostet Menschenleben. Sie macht Arbeit gefährlicher. Sie verschärft soziale Ungleichheit. Und sie zeigt uns etwas, das im politischen Diskurs gerne verschleiert wird: Wir sitzen nicht alle im selben Boot. Ein Millionär und eine Pflegekraft erleben 40 Grad nicht auf dieselbe Weise. Ein Vorstandsvorsitzender und ein Bauarbeiter haben nicht dieselben Möglichkeiten, sich vor Hitze zu schützen.

Marktwirtschaft macht Klimaschutz unmöglich

Im November 2026 wird die nächste Weltklimakonferenz in der Türkei stattfinden. Dort wird die Bundesregierung voraussichtlich von SPD-Umweltminister Carsten Schneider angeführt werden. Er wird Deutschland als führend im internationalen Klimaschutz und möglichweise neue finanzielle Zusagen für klimaschutzorientierte Vorhaben machen.

Das sind leere Worte, orientiert an der Positionierung auf dem internationalen diplomatischen Parkett. Tatsächlich hat sich die Bundesregierung unter der Führung von Kanzler Merz längst, wie alle anderen Regierungen der kapitalistischen Staaten, mit dem Klimaanstieg abgefunden. Der Grund ist einfach: Klimamaßnahmen sind nur dann gut, wenn sie kein Geld kosten, und die eigene Position im internationalen Wettkampf nicht bedrohen.

Protektionistische Maßnahmen werden im Gegenzug gern als klimapolitisch gerechtfertigt, etwa mit der Einführung einer CO2-Steuer an den EU-Außengrenzen. Aber wenn in China oder den USA oder Trump-Vorgänger Biden der Staat Milliarden zur Subventionierung klimafreundlicher Technologien mobilisiert, dann wird das in Europa als Bedrohung für die eigene grüne Industrie wahrgenommen.

In einem Weltwirtschaftssystem, das marktwirtschaftlich aufgebaut ist, werden sich die Regierungen nie auf wirksame Klimaschutzmaßnahmen einigen können. Denn aufgrund der globalen Konkurrenz der Konzerne bildet für jede einzelne Regierung die Profitabilität der jeweils „eigenen“ Unternehmen das ausschlaggebende Kriterium.

Kohlenstoffprofite steigen mit dem Ausstoß

Die Profite gerade der klimaschädlichsten Industrien sind gigantisch. Die fünf größten Ölkonzerne der westlichen Welt verdienten allein in den ersten sechs Monaten des Jahres 68,5 Milliarden Dollar und damit fast doppelt so viel wie 2025.

Mit den milderen Temperaturen im Herbst kann die Bundesregierung darauf setzen, dass das Problem aus den Medien verschwindet. Damit wird auch der Handlungsdruck sinken, was die unmittelbaren Klimaanpassungsmaßnahmen angeht. Das Hitzeproblem an und für sich wird aber nicht verschwinden, sondern mit jedem Sommer tendenziell schlimmer.

Denn die Konzentration von CO2 in der Luft, die den Treibhauseffekt erzeugt und für den Temperaturanstieg hauptverantwortlich ist, steigt messbar weiter an. Laut Weltwetterorganisation WMO erhöhte sich der CO2-Anteil in der Atmosphäre in den letzten 20 Jahren um 11,4 Prozent. Er liegt nun um 51 Prozent über dem Referenzwert vor Beginn der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert.

Klimaanpassung: Konkrete Forderungen

Jetzt ist die Zeit, etwas grundlegend zu ändern. Wenigstens die Anpassung an die steigende Hitze wäre leicht und rasch zu regeln. Die Linke im Bundestag hat dafür im Sommer unter der Überschrift „Hitzeschutz ist eine Klassenfrage!“ einen fünf Punkte umfassenden Hitzeschutzplan vorgelegt.

Darin wird die Einführung eines Hitze-Kurzarbeitergeldes für Außenarbeitsplätze gefordert, beispielsweise in der Baubranche, Gebäudereinigung, Abfallwirtschaft oder Landwirtschaft. Analog zum bestehenden Saison-Kurzarbeitergeld soll diese Lohnersatzleistung greifen, wenn aufgrund extremer Hitze oder zu hoher UV-Werte die Arbeit im Freien nicht zumutbar oder gesundheitsgefährdend ist.

Auch müssen Hitzeschutzmaßnahmen in der Arbeitsstättenverordnung (Innenräume) endlich verbindlich werden, anstatt nur eine „Empfehlung“ darzustellen. Konkrete Maßnahmen – wie das Bereitstellen von Trinkwasser, Sonnenschutz, Ventilatoren und zusätzlichen Pausen – müssen verpflichtend in die Verordnung aufgenommen werden. Sollten Arbeitgeber trotz dieser Pflichten keine Maßnahmen ergreifen, um eine „gesundheitlich zuträgliche Raumtemperatur“ zu gewährleisten, fordert die Linke die Verpflichtung zu einer verkürzten Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich.

Diese und andere Maßnahmen des Linke-Hitzeschutzplans sind vernünftig. Doch sie werden nicht durch Appelle an die Vernunft auf parlamentarischem Wege durchgesetzt werden. Einzig über Arbeitskampf-Maßnahmen kann dies erreicht werden. Hitzeschutz muss Teil von Forderungen in Arbeitskämpfen werden.

Klimaanpassungsplan: Wie durchsetzen?

Die Gewerkschaft IG BAU hat den richtigen Weg eingeschlagen. Seit Mai 2026 gibt es bei hohen Temperaturen im Gerüstbauer-Handwerk in den Sommermonaten ein Ausfallgeld, so wie bereits seit 2020 im Dachdecker-Handwerk.

Wenn nicht gearbeitet werden kann, erhalten Beschäftigte 75 Prozent ihres Stundenlohns. Bei den Gerüstbauern sind auch wetterbedingte Ausfälle wie Regen und Stürme – zwischen Mai und August – erfasst. Bei den Dachdeckern wird die Leistung über die gemeinsame Sozialkasse der Tarifpartner erstattet. Nun geht es darum, dass diese Maßnahmen auch auf Branchen wie der Garten- und Landschaftsbau, oder der Hoch- und Tiefbau ausgeweitet werden.

Die Beschäftigten können sich dabei auf den langwierigen Verhandlungsweg über Manteltarifverträge nicht verlassen. VW hat gerade alle Tarifverträge gekündigt. Arbeiter bei Mercedes-Benz in Bremen sind im letzten Sommer auch wegen der unerträglichen Hitze nach einer Mittagspause nicht mehr an den Arbeitsplatz zurückkehrt. Es war ein wilder Streik, der auch eine politische Dimension hat.

Es sind diese Kämpfe, die zeigen, dass wir nicht machtlos sind. Es kommt darauf, diese Macht organisiert wirksam werden zu lassen. Dies kann Fakten schaffen, die auch auf andere, weniger kampfstarke Bereiche Signalwirkung ausüben.